Zweite Generation · 1737 bis 1756
Sechs Wohnsitze in zwanzig Jahren
Johann Friedrich (II.) Bomert ist der Stammvater der Graudenzer Linie. Er kommt als Kind nach Polen, verliert früh beide Mütter und zieht danach als Instmann von einem adligen Gut zum nächsten — im Durchschnitt alle zwei Jahre.
- Lebensdaten
- * geschätzt 1710 ± 5 Jahre im Ausland · † nach Februar 1756 und vor 1759
- Ehe
- um oder vor 1737, an unbekanntem Ort, mit Marianne (Geburtsname nicht überliefert); sie heiratet 1759 in zweiter Ehe Georg Boldt
- Kinder
- Elisabeth, * vor 1738 · Gottfried Friedrich (III.), * 19. April 1741
- Beruf
- Instmann auf adligen Gütern — landwirtschaftlicher Wanderarbeiter mit Kontrakten von zwei bis drei Jahren
- Konfession
- lutherisch; beurkundet wurde in katholischen Kirchen, weil es in der Starostei Swiece damals keine evangelische Kirche gab
Herkunft
Als Kind angekommen, mit elf Jahren Halbwaise
Er war, so schätzt der Verfasser, zehn Jahre alt, mit einer Unsicherheit von fünf Jahren nach oben und unten; sein Bruder Andreas zwei bis drei. Spätestens 1717 dürften beide mit dem Vater Friedrich (I.), der ersten Ehefrau Gertrud und der Gruppe der Einwanderer in Marzy Nowe an der Starostei Swiece angekommen sein. Über sein Jugend- und Jünglingsalter fehlen alle Nachrichten: keine Patenschaft, keine Zeugenschaft, nichts.
Belegt ist nur, was um ihn herum zusammenbricht. Gertrud, die Mutter, wird letztmals 1719 urkundlich erwähnt und stirbt vermutlich kurz darauf. Die zweite Frau des Vaters, Anna, wird letztmals 1724 als Taufzeugin genannt und stirbt wohl ebenfalls bald danach. Danach schweigen die Quellen des Kirchspiels für dreizehn Jahre.
Als Johann Friedrich (II.) im Jahr 1737 zum ersten Mal selbst in das genealogische Licht tritt, ist er bereits Ehemann und Vater. Sicher ist: Er kann nicht nach 1724 geboren sein, weil die Eheschließung in Polen die Volljährigkeit mit 18 Jahren voraussetzte. Sein Geburtsnachweis liegt also mit Gewissheit außerhalb des Kirchenkreises, in einem Land, das die Chronik nicht kennt.
Der dritte Wohnsitz
Stwolno Niemieckie — das Dorf hinter dem Damm
Spätestens 1737 lebt die Restfamilie in Stwolno Niemieckie / Deutsch-Westfalen, dem Dorf der Stiefmutter Catharina und ihres zweiten Mannes, des Leinwebers Adam Kottke. Es ist ein Dorf an der Weichsel, auf mittelmäßigem Boden, ohne Schutz vor dem Strom.
Für die junge Familie war es kein Aufstieg, sondern eine Lehre. 1741 vergab die Starostin und Fürstin Johanna Jablonowska das ganze Dorf zu „Holländischer Gerechtsame“ — 17 namentlich genannte Pachtbauern teilten 29 Hufen 13 Morgen hinter dem Damm und 3 Hufen 17½ Morgen vor dem Damm und legten dafür 6.400 preußische Gulden Einkaufsgeld vor. Wer dieses Geld nicht hatte, blieb außen vor.
Johann Friedrich (II.) hatte es nicht. Damit war die Frage nach seinem Platz im Dorf beantwortet, lange bevor sie gestellt wurde.
Anhaltspunkte zur Lage der kleinen Leute
- 1565
- Stwolno Niemieckie gehört zum Schloss Swiete / Schwetz. Vier bäuerliche Güter, jeder Inhaber zahlt 12 Groschen; die Frauen sammeln Kraut und spinnen. Eingepfarrt nach Michelau.
- 1642
- Der Hauptmann von Schwetz gibt 16 wüste Hufen an Holländer auf 50 Jahre in Zeitpacht aus — mit Fischerei in Weichsel und Montau, Abschiffung der Produkte und Krugrecht.
- 1741
- 17 Pachtbauern, 6.400 Gulden Einkaufsgeld, 20 Gulden Zins je Hufe, Unterhalt des rund 800 Ruten langen Weichseldamms als gemeinsame Last.
- 1772/73
- Im Kontributionskataster: 5 Eigenkätner (2 Schneider, 1 Leinweber) und 22 Instleute (2 Leinweber, 1 Schneider, 1 Schulmeister).
- Abgaben
- 3 Schneider zusammen 3 Reichstaler, 3 Leinweber 3 Reichstaler, 2 Gärtner je 60 Groschen, 19 Einlieger zusammen 6 Reichstaler 30 Groschen.
Zur Einordnung. Diese Sätze geben keine Einkommen wieder, sondern Steuerlasten. Sie zeigen aber das Gefälle innerhalb des Dorfes: zwischen den Handwerkern, den Eigenkätnern und den 19 Einliegern liegen wenige Groschen — und zwischen allen zusammen und den Pachtbauern mit ihren 6.400 Gulden Einkaufsgeld liegt eine Welt.
Der früheste Beleg dieser Generation
Die Taufe von 1741
Die erste Urkunde, in der Johann Friedrich (II.) und seine Frau Marianne gemeinsam genannt werden, ist die Taufe ihres Sohnes. Sie stammt aus dem katholischen Taufbuch von Swiete / Schwenten und ist in einem Latein geschrieben, in dem sich Kürzel und Ausschreibungen mischen.
Eod(em) d(at)o d. 23. Apr(ilis) Ego id(em) baptisavi infant(em) natu(s est) 19. ejusd(em) ex Joanne Bomert et Marianna Leg(ittimo) con(iugo) Paro(chia) Svec(ensis), cui nomen dat(est) Fridericus, Patrini fuerunt Joannes Radyia (et) Catharina Ochomowa (ex) Par. Svec.
An demselben Datum, dem 23. April, habe ich das Kind getauft, das am 19. desselben Monats geboren wurde aus der legalen Ehe zwischen Johannes Bomert und Marianne; ihm wurde der Name Fridericus gegeben. Paten wurden Johannes Radyia und Catharina Ochomowa aus der Kirchengemeinde Schwenten.
Ein Name, drei Schreibweisen
Johann, Friedrich oder beides
Ohne Zweifel trug der Vorfahr zwei Vornamen, die aber nur selten zusammen genannt wurden. In acht vorliegenden Urkunden erscheint er fünfmal als Johann(es), einmal als Johann(es) Friedrich und zweimal als Friedrich. Die Chronik führt ihn deshalb durchgehend als Johann Friedrich (II.).
Der Name muss in der Chronik deshalb doppelt geführt werden, weil er allein nicht unterscheidbar ist: Der Großvater hieß Friedrich (I.), der Sohn wurde Friedrich (III.). Die Ordnungszahl bezieht sich ausschließlich auf den Vornamen Friedrich und erlaubt einen schnellen Blick auf die Nummer der Generation nach der Einwanderung.
- 1741 · Stwolno Niem. Taufe des Sohnes — der Vater heißt hier Joanne Bomert. Kath. Taufbuch Swiete / Schwenten 1725–1755
- 1747 · Konopat Niem. Übernahme einer Patenschaft — wieder Joanne Bomert.
- 1748 · Konopat Niem. Trauzeuge bei der Heirat seines Bruders Andreas — hier heißt er Fridericus Bombert. Kath. KB Przysiersk / Heinrichsdorf, Mormonen-Film-Nr. 7949029
- 1753 · Rychlowa Der einzige Beleg mit vollem Namen: Joanne Fridericus. Er beseitigt die letzten Zweifel an der Identität von „Johann“ und „Friedrich“.
- 1756 · Vorstadt von Nowe Letzte Nachricht: Trauzeuge bei dem Arbeiter Johann Makanski — Fridericus.
Die Zählung stammt vom Verfasser, nicht aus den Quellen. Die Kirchenbücher kennen keine Generationennummern. Sie wurden eingeführt, weil derselbe Leitname Friedrich in vier aufeinanderfolgenden Generationen auftritt.
Wohnsitze
Alle zwei Jahre ein neuer Hof
Nach dem Auszug aus Stwolno Niemieckie im Herbst 1746 beginnt ein Zick-Zack-Kurs durch den Kreis Schwetz. Der Verfasser zählt sechs Wohnsitze in rund zwanzig Jahren. Kein Handwerk verträgt diesen Rhythmus — die Leinenweberei der Stiefeltern hat er deshalb nicht fortgesetzt.
-
Der Weg durch den Kreis
1737 bis 1756
- 1737 – 1745Stwolno Niemieckie / Deutsch-WestfalenZweiter Wohnsitz der Familie; hier wird 1741 der Sohn geboren. Das Dorf ist bereits seit fast 300 Jahren Kulturland — Pachtland ist hier nur gegen hohes Einkaufsgeld zu haben.
- 1747 – 1748Konopat Niemieckie / Deutsch-KonopathSüdöstlicher Zipfel des Kreises, Kirchspiel Heinrichsdorf. Der Bruder Andreas folgt hierher; die Patenschaft von 1747 fällt in diese Zeit.
- 1749 – 1750Mieliwko / Mielevken bei NoweIm Norden des Kreises. Hier bestätigt sich 1753 der Doppelvorname Johann Friedrich in voller Zusammensetzung.
- 1751 – 1752Swiete / SchwentenZurück in das ursprüngliche Einwanderungsgebiet. 1755 wird die lutherische Konfession der Familie erstmals direkt bei einer Taufbezeugung bestätigt.
- 1753 – 1756Mieliwko, erneutDie Familie hält hier etwa drei Jahre. Am 24. Februar 1756 tritt Johann Friedrich (II.) zum letzten Mal auf — als Trauzeuge in der Vorstadt von Nowe.
- ab 1759Swiete Male / Klein SchwentenSiebter Wohnsitz, aber nicht seiner: Die Witwe heiratet am 28. Januar 1759 Georg Boldt und zieht mit ihm hierher.
Das Ende
Ein Grab ohne Sterbeurkunde
Zwischen Februar 1756 und 1759 stirbt Johann Friedrich (II.), geschätzt im Alter von 49 bis 51 Jahren, mit einer Unsicherheit von fünf Jahren. Es gibt keine Sterbeurkunde. Der Schluss steht auf einer einzigen Lücke: Ab 1756 schweigen die Urkunden, und 1759 heiratet Marianna Bomert in Klein Schwenten den Georg Boldt.
Er hinterlässt zwei Kinder: Elisabeth, etwa 19 bis 22 Jahre alt, und Gottfried Friedrich (III.), 15 bis 18 Jahre alt. Von einem nennenswerten Erbe kann keine Rede sein — wenig Hausrat, Bettzeug, Kleinvieh. „Der ersten Generation der Tod und der zweiten die Not“: Für seinen Fall klingt der Satz nicht weit von der Wirklichkeit entfernt.
Die Sterbebücher des Kirchspiels Schwenten setzen überhaupt erst 1759 ein. Selbst wenn also eine Beerdigung stattgefunden hätte, wäre sie nicht verzeichnet worden.
Warum dieser Nachweis zählt. Marianna Bomert ist die letzte Person der zweiten Generation, deren Weg sich verfolgen lässt. Georg Boldt wird 1759 mit 47 Jahren geheiratet haben, sie mit geschätzten 43 Jahren — beide Angaben rechnet der Verfasser aus einem Taufbuch von 1712 und aus Heiratsaltern zurück. Nähere Nachrichten über Beruf, Religion und Status des Georg Boldt waren in der ersten Durchsicht nicht aufzufinden.
Beruf und Stellung
Der Beweis kommt aus der Steuerliste
Dass Johann Friedrich (II.) kein Weber war, schließt der Verfasser nicht aus einer Berufsangabe — die gibt es nicht — sondern aus der Form seines Lebens. Ein Handwerk mit Werkstatt lässt sich nicht alle zwei Jahre umziehen. Der Bruder Peter wird 1757 als „Laboriosus“ bezeichnet, als Arbeiter; ein unscharfes Wort, das Knecht, Einlieger und Instmann umfasst.
Knecht und Magd
Im Haushalt des Bauern, Kost und Lohn, kein eigener Hausstand.
Einlieger
Reiner Tagelöhner, oft mit einer Kammer oder einem kleinen Anbau zur Miete.
Instmann
Kontrakt für zwei bis drei Jahre mit Gut oder Vorwerk: Kate, Garten, Lohn. In der Steuerliste von 1772/73 die unterste Stufe mit eigenem Vertrag.
Vollbauer
Pächter mit zwei Hufen Land. In Stwolno Niemieckie 1741 nur gegen 6.400 Gulden Einkaufsgeld zu haben.
Die Vorwerke an Groß Schwenten und Deutsch Konopat waren Gutsbetriebe in adliger oder königlicher Hand, abseits der Dörfer gelegen und oft Zweigbetriebe größerer Höfe. Sie konnten viel Gesinde, Knechte, Mägde, Einlieger und Wanderarbeiter aufnehmen — und sie bezahlten in kurzen Verträgen. Genau dieser Rhythmus ist in den Wohnorten zu erkennen.
Ein weiteres Dorf seiner Stationen war Schwenten. Groß und Klein Schwenten zählten 1773 zusammen 48 Haushaltungen mit 215 katholischen und lutherischen Bewohnern, 17 gespannhaltende bäuerliche Pächter, zwei Gewerbetreibende und einen Lehrer. 1669 hatte der Ort einen Schmied und einen Töpfer. In Groß Schwenten lebte die verheiratete Schwester Marianne.
„Der ersten Generation der Tod, der zweiten die Not, erst der dritten das Brot!“ Der Leitsatz des Verfassers
Was daraus folgt. Für Johann Friedrich (II.) lässt sich der Stand des Vollbauern ausschließen und der Stand des Instmanns zuordnen. Für seinen Vater Friedrich (I.) dürfte die Auswanderung das „verlorene Paradies“ gewesen sein — es sei denn, er und Gertrud waren von Anfang an als Kätner oder einfache Dienstleute nach Polen gekommen.
Genealogischer Überblick
Die zweite Generation
- (1.1.)
- Johann Friedrich (II.) Bomert — * geschätzt 1710 ± 5 Jahre im Ausland, † nach Februar 1756 und vor 1759. Von Beruf Instmann. Verheiratet an unbekanntem Ort um oder vor 1737 mit Marianne NN, * geschätzt 1715 ± 5 Jahre, † nach 1759. Sie heiratet in zweiter Ehe 1759 in Klein Schwenten den Georg Boldt, * 1712 in Stwolno Niemieckie.
- Kinder
- Fünf Einträge führt der Verfasser; sicher zur Linie gehören die ersten beiden.
| Nr. | Name | Geburt | Ort und Nachweis |
|---|---|---|---|
| 1.1.1. | Elisabeth Bomert | vor 1738 | Geboren in der urkundenlosen Zeit zwischen 1724 und 1737, außerhalb des Kirchspiels Schwenten. Nachweis allein durch ein Patenamt 1753 in Rychlawa / Miliwko — ein kirchliches Patenamt war erst ab 16 Jahren möglich. Von Elisabeth fehlt jede weitere Spur. |
| 1.1.2. | Gottfried Friedrich (III.) Bomert | 19. Apr. 1741 | Geboren in Stwolno Niemieckie, getauft am 23. April in Swiete / Schwenten. Unser Ahn und Träger der Hauptlinie. Zum Kapitel |
| 1.1.3. | Paul Bromert | 1750 | * in Rychlowa bei Mielewko / Neuenburg; Vater Joannis, Mutter Marianna. Keine Ehe und keine Nachkommen bekannt. |
| 1.1.4. | Michael Brom | 1753 | * in Rychlawa bei Mielewko / Neuenburg; Vater Joannis, Mutter Marianna. Keine Ehe und keine Nachkommen bekannt. |
| 1.1.5. | Catharina Brumunt | 1754 | * in Mielewko; Vater Joannis, Mutter Marianna. Weitere Nachrichten fehlen. |
Warum die drei letzten Einträge unsicher sind. Der Verfasser hält es für hochwahrscheinlich, dass Paul, Michael und Catharina nicht zu dieser Linie gehören. Die drei Taufen fallen in die Jahre in Mieliwko, in denen Johann Friedrich (II.) und Marianna dort nachweislich wohnten — und der Vater ist in allen drei Einträgen als Joannis verzeichnet. Eine zweite Familie gleichen Namens im selben Kirchspiel ist damit nicht ausgeschlossen, aber auch nicht belegt. Die Chronik führt die drei deshalb mit Fragezeichen und nicht als Nachkommen.
Der Apfel fiel nicht weit vom Stamm
Gottfried Friedrich (III.) wird denselben Weg gehen — nur diesmal, weil seine Frau aus einer Schmiedefamilie stammt, mit der vagen Aussicht auf einen Aufstieg, der nicht kommt.