Chronik der Familie BomertBand 2 · Die 1te bis 4te Generation

Vorworte und Einleitung

Gegen das Vergessen, für das Verstehen

Zehn Generationen umfasst die Chronik der Familie Bomert. Der vorliegende zweite Band verfolgt den Faden der männlichen Linie von der Auswanderung nach Polen im Jahr 1716/17 bis zu den Geburten des Jahres 1863 — und arbeitet die Überlieferung einer ersten Familiengeschichte auf, die im Exil geschrieben wurde.

Verfasser
Jürgen (Christian) Bomert
Vorlage
Die erste umfassende Chronik der Familie von Heinrich (Henryk) Bomert, 1909–1978, entstanden „im Exil“ in englischer, deutscher und polnischer Sprache
Umfang
Zehn Generationen insgesamt; dieser Band behandelt die erste bis vierte, 1717 bis 1863
Weitere Bände
Band 1, „Die Vorgeschichte mit der Herkunft der Familie“, existiert im Ansatz und ist in Bearbeitung. Band 3 soll die Generationen behandeln, die Heinrich selbst noch gekannt hat.
Schwarzweißes Porträt von Heinrich (Henryk) Bomert im Anzug mit Krawatte
Heinrich (Henryk) Bomert, 1909–1978, Autor der ersten umfassenden Chronik der Familie. Band 2, Abb. 1

Vorwort I

Wer nur den Faden der männlichen Linie verfolgt, verliert den halben Himmel

„Betrachte beizeiten unvoreingenommen und mit offenen Augen den Lauf Deines Lebens“, beginnt der Verfasser, „und werde dir bewusst, wie viele Flüsse darin münden, die dich formen und nähren, fördern oder auch hemmen, und erfahre und ergründe einen Teil Deiner selbst. Allein aber bist Du ein Nichts.“

Eine Chronik, so heißt es weiter, könne Bewusstsein schaffen über das eigene und das familiäre Vergangene und ein Licht auf Zukünftiges werfen. Sie verbinde die Toten und die Lebenden, wecke die Toten gleichsam virtuell auf, würdige ihr Bemühen, ihre Arbeit und ihre Sorge für die Kinder — und verschaffe ihnen damit ein „ewiges Leben“.

Dass hier nur der Stammbaum Bomert, also die männliche Linie, verfolgt wird, verteidigt der Verfasser nicht als Vollständigkeit, sondern als Wahl: Die einzigartige Bedeutung der Frauenlinien werde an den entscheidenden Stellen sichtbar, „gehört ihnen doch der halbe Himmel“. Eine vollständige Ahnenliste sei schon rechnerisch unmöglich — zehn Generationen ergäben allein in der zehnten Generation 512 Vorfahren.

Die Beschränkung sei deshalb nicht nur Verlust, sondern auch Gewinn: In einer früher stärker männerdominierten Welt lasse sich die Familienentwicklung exemplarisch nachvollziehen. „Der soziale Status des Vaters präformierte statistisch gesehen den Status seiner Nachkommen.“

„Was Du nicht aufschreibst, ist nie geschehen.“ Leitsatz des Vorworts

Der Hintergrund dieser Arbeit. Zwei große Zäsuren haben nach Einschätzung des Verfassers die Überlieferung zerstört: der Dreißigjährige Krieg und der Zweite Weltkrieg. Daneben steht das Unglück im Kleinen — verbrannte Kirchenbücher, Wassereinbruch, ohne Not aufgegebenes Archivgut. Und auf der Mikroebene der Familie: Geschichten, die erzählt und weitergetragen wurden und dann mit dem Tod des Erzählenden verloren waren.

Vorwort II

Dank an die vielen Helfer

„Eine Chronik ist nie die Arbeit eines Einzelnen allein.“ Der Verfasser nennt seine Brüder Egon und Peter, dazu Bogdan und Otto Schienke — und eine Familienforscherin, deren eigene Geschichte bemerkenswert ist.

Mitarbeiter

Familie und Umfeld

Egon und Peter, die Brüder des Verfassers; Bogdan und Otto Schienke. Ihnen gilt der Dank für Beiträge, Erinnerungen und Material — darunter die erste Fassung der Chronik Heinrichs, die dieser 1973 aus Australien seinem Neffen Egon zueignete.

Recherche

Dana Pufahl

Eine „sehr engagierte Familienforscherin“, die nach den Worten des Verfassers „in selbstloser Hilfe an manchem Durchbruch entscheidend mitgewirkt“ hat. Sie stellte später fest, dass ihre eigenen weit verzweigten Vorfahren im 19. Jahrhundert familiäre Verbindungen mit dieser Familie aufweisen.

„Letztendlich, so sagt uns dies, ist die Welt eine große Familie.“ Wo im Text verschiedene Daten zu einer Heirat oder einem Sterbedatum nebeneinander stehen, stammen sie häufig aus dieser doppelten Erschließung.

Vorwort III

Blatt für Blatt von einem Onkel, der im Exil schrieb

„Blatt für Blatt“ hat der Verfasser die erste Chronik seines Onkels Heinrich Bomert durchgearbeitet — handschriftlich meist in einem „grammatikalisch eigenen, altertümlichen Ostdeutsch“. Daraus entstand der Plan, den Aufzeichnungen eine archivalische, wissenschaftlich begründete Basis zu geben und sie dort zu ergänzen, wo es nötig wurde.

Entstanden waren sie unter den schwierigsten Bedingungen: im Exil, in englischer, deutscher und polnischer Sprache, ohne praktisch gute Möglichkeiten, alte Urkunden einzusehen, und ohne geeignetes Kartenmaterial. In den sechziger und siebziger Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg verfasste Heinrich zwei Fassungen mit geringen inhaltlichen Abweichungen — eine für seine Tochter Elizabeth, eine für die Verwandtschaft.

Was ihm dabei fehlte, beschreibt er selbst: „Bis 1948 hatte ich eine grosse Landkarte von Polen (1 mal 1,5 m), eine zweite von Deutschland, dort hatte ich jeden Ort, der mich betraf, schön bezeichnet. Leider wurden sie mir gestohlen — weil es tatsächliche Seltenheiten waren, jedes Dorf, sogar einzelne Häuser.“

Heinrich verstarb Ende der siebziger Jahre an den Folgen seines Diabetes mellitus, unter anderem mit Gliedmaßenamputationen, „aber nicht müde des Schreibens und Malens“. Er hinterließ neben der Chronik zahlreiche Fotografien. „Ohne seine Auswanderung wäre die Geschichte vielleicht nie, sicherlich nicht so, geschrieben worden.“

Der Verfasser hält ausdrücklich fest, dass er Heinrich als Kleinkind noch auf dem Arm gehalten wurde und ihm später nicht mehr begegnet ist: „Es ist mir daher ein Anliegen, ihn für seine für die Familie so verdienstvolle Arbeit zu ehren.“

Schwarzweißes Porträt eines älteren Mannes mit Glatze, aufgenommen in einem Garten
Porträt aus dem Manuskript. Das Bild steht in den Vorworten unmittelbar vor der Unterschrift des Verfassers. Wer darauf zu sehen ist, nennt der Text an dieser Stelle nicht — die Zuordnung ist offen und sollte vor einer Veröffentlichung mit der Familie geklärt werden. Band 2, zweites Porträt der Vorworte

Die erste Legende

Ein Arzt aus der Nähe von Paris, der bis Moskau zog

Heinrich Bomert hat seine Chronik mit einer Herkunftssage begonnen: Ein junger Arzt namens Julian de Bonmert, aus der Nähe von Paris stammend, sei 1812 mit der napoleonischen Armee bis Moskau gezogen und auf dem fluchtartigen Rückzug verletzt in Polen gepflegt worden und dort geblieben. Der Verfasser schreibt, diese Erzählung habe „durchaus einen historischen Kern“ — die Herkunftsgeschichte der Familie ist nach heutigem Kenntnisstand widerlegt.

Was bleibt, beschreibt er selbst mit großer Zuneigung zur Erzählung: „Dieser abenteuerlichen, in Frankreich startenden Erzählung folgend, erhielt Heinrichs Enkelin den wohlklingenden französischen Vornamen ‚Ciel‘, ‚der Himmel‘ und damit ‚die Himmlische‘.“

Und er räumt ein, was die Sage geleistet hat: Sie hatte „den großen Vorteil, sehr viel Interesse zu wecken und die Phantasie zu beflügeln und damit Forschergeist zu erzeugen“. Ob die neue, im ersten Band erzählte Legende des Ursprungs dieselbe Spannung erzeugen könne, fragt er selbst — und lässt die Antwort offen.

Zur Prüfung der Legende. Was in Frankreich und in den polnischen Kirchspielen gesucht wurde und was dabei herauskam, steht im Kapitel zur vierten Generation: Der französische Offizier, den es nicht gab.

„Wir formen die Leben der Vorfahren zu Bildern nach unseren Vorstellungen.“ Der Verfasser über den Umgang mit Biografien

Die Selbstkontrolle des Schreibers. „Biographien über nicht mehr Lebende sind insofern ‚leichter‘ zu verfassen, da diese sich nicht mehr wehren können. Wir dürfen uns von ihnen physisch befreit ein Bild machen, wie es uns gefällt. Ohrfeigen können sie nicht mehr verteilen. Damit sagt das Bild am Ende vielleicht mehr über den Schreiber aus als über sie.“

Aus dem Vorwort

Des Schreibers Käfig

Du bist nur vergangener Wanderer Erkunder.
Du siehst auf Papier entstehen und vergehen.

Kennst nicht ihre Wahrheiten, siehst nicht ihre Wunder,
Nicht die Mühsal, nicht die Qual,
nicht ihr stilles Sinnen,
lautes Lachen und ihre Verehrer`Innen.

Du magst forschend rück- und sternenwärts jagen,
und fühlst doch nie ihr Herz – nur Dein eigenes fragendes: noch schlagen.

J. B.

Der Verfasser hat dieses Gedicht an die Stelle gesetzt, an der er davon spricht, dass Biografien über nicht mehr Lebende „leichter“ zu verfassen sind. Es ist damit keine Zierde, sondern eine Selbstprüfung — und für den Leser die klarste Stelle im Band darüber, wie weit eine Familiengeschichte reichen kann und wo sie endet.

Einleitung zur neuen Chronik

Wie dieser Band aufgebaut ist

„Der Schleier über die unbekannte oder graue Vergangenheit unserer Vorfahren lichtet sich allmählich Stück für Stück“, schreibt der Verfasser — und fügt hinzu, was jede Familienforschung begleitet: „Jede neue Antwort wirft auch neue Fragen auf.“

1

Die Kapitel folgen den Generationen

Von der ersten Generation, dem Einwanderer Friedrich (I.), bis zur vierten, Peter Bommert und seiner Nichte Anna Maria. Ein Teil der Urkunden ist im Originalausschnitt im Text eingebunden, die übrigen stehen mit Anmerkungen im Anhang.

2

Der Anhang hat zwei Teile

Einen familiären — Urkunden, Anmerkungen und die „nackte“ Stammfolge — und einen allgemeinen, der die Bedingungen beschreibt, unter denen die Familie lebte: Dorfökonomie, Stände, Herkunft der Siedler, Geschichte Polens.

3

Drei Werke kehren ständig wieder

Maerckers „Geschichte des Kreises Schwetz“, die Preußischen Kontributionskataster von 1772/73 und das polnische „Słownik Geograficzny Królestwa Polskiego“ der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts.

Die Kataster als Quelle. Sie wurden nach der Annexion Westpreußens zur Steuerfestlegung angelegt und beruhen gerade auf den älteren Verhältnissen — deshalb sind sie im Anhang 2 für die Dörfer der ersten Wohnsitze auszugsweise wiedergegeben. Für einen Instmann wie Gottfried Friedrich (III.) ist der Eintrag ohne Kuh und ohne Schwein der genaueste Beleg, den die Überlieferung kennt.

Der dritte Band. Heinrichs Chronik ist für diesen zweiten Band unverzichtbar — noch mehr aber für den geplanten dritten, der die Generationen behandelt, die Heinrich selbst noch gekannt hat. Dort sollen weitere Zeitzeugen als Chronisten hinzukommen.

Zum Schluss der Einleitung

Ein weiter Bogen — und eine Grenze dieser Ausgabe

Der Verfasser beschließt seine Einleitung mit einem geopolitischen Bogen, der vom frühen Mittelalter bis in die Gegenwart reicht: von der Expansion der westlichen Kaiser und des Deutschen Ritterordens über die Schlacht von Tannenberg 1410, die Teilungen Polens und die gescheiterten Eroberungsversuche im Osten bis zu den Konflikten der Gegenwart. Er bezieht in diesem Abschnitt ausdrücklich politisch Stellung.

Warum dieser Abschnitt hier nicht wörtlich wiedergegeben wird. Er gehört nicht zur Familiengeschichte, und seine tagespolitischen Teile sind umstritten. Diese Ausgabe übernimmt ihn nicht, verweist aber auf ihn: Er steht im Manuskript am Ende der Einleitung und ist dort vollständig nachzulesen.

Ein Ausblick

„Wer wird sie weiter führen?“

„Schließlich stellt eine Niederschrift von Familiengeschichte nur ein offenes Programm dar, die jeder mit Leben, mit Zutun und Abtun verändern und ergänzen kann.“ Mit dieser Frage endet das Vorwort — und sie ist der eigentliche Auftrag des Bandes. Die Kapitel, die folgen, sind der Versuch einer Antwort.

Mit der ersten Generation beginnen