Dritte Generation · Königreich Polen und Preußen
Der Instmann, der mit 44 Jahren starb
Gottfried Friedrich (III.) Bomert heiratet 1769 die Tochter eines Dorfschmieds. Es ist die einzige Chance auf einen Aufstieg, die diese Generation hat — und sie zerschlägt sich, weil er den Wanderberuf des Vaters nicht aufgibt.
- Lebensdaten
- * 19. April 1741 in Stwolno Niemieckie · † 20. Februar 1785 in Voßwinkel bei Graudenz, bestattet am 24. Februar
- Todesursache
- „Seitenstechen“ — der Verfasser liest darin einen Hinweis auf eine Erkrankung der Oberbauchorgane
- Ehe
- 1769 mit Elisabeth Röder / Raeder / Redder, * 1748 in Alt-Mühlbach, getauft am 17. März 1748 in Groß Nebrau. Aus der Ehe gingen fünf lebende Kinder hervor.
- Beruf
- Instmann; im preußischen Kontributionskataster von 1772/73 in Muntawy verzeichnet — mit Frau und einem Sohn, ohne Kuh und ohne Schwein
- Wohnsitze
- Tryll / Treul · Muntawy / Montau · Klein Woltz · Lubin · Voßwinkel
Die Quellen
Plötzlich wird die Überlieferung dichter
Für die zweite Generation fehlten Geburts-, Heirats- und Sterbeurkunden fast vollständig. Für die dritte liegen sie vor — mit einer Ausnahme, der Trauungsurkunde von 1769. Die Angabe der Ehedauer in der Sterbeurkunde führt auf dieses Jahr zurück, und das Heiratsjahr passt auf die Geburt der ältesten Söhne im Jahr 1770.
Trotzdem bleiben die Kirchenbücher im Kreis Schwetz minimalistisch. In Heiratsurkunden fehlen in der Regel Altersangaben, der Geburtsname der Ehefrau wird selten genannt, Angaben zu Eltern fast immer, die Konfession selten und Berufe fast nie, Geburtsorte nie. Manches gleicht der Suche nach einer Nadel im Heuhaufen.
Das ändert sich 1772 mit der preußischen Verwaltung: Von da an stehen in Heirats- und Geburtsurkunden häufig der Geburtsname der Frau, Berufsangaben und Alter — und in Sterbeurkunden Angaben zu den Hinterlassenen und zur Todesursache.
Der Name
Friedrich oder Gottfried — je nach Schreiber
1741 wurde das Kind auf den Namen Fridericus getauft. In späteren Urkunden erscheint derselbe Mann fast ausschließlich unter seinem Rufnamen Gottfried: 1770 als Godfridt, 1772 als Friedrich, bei einem Katastereintrag als Gottfried. Beide Vornamen wurden im 18. Jahrhundert noch synonym behandelt.
Der Verfasser bezeichnet ihn durchgehend als Gottfried Friedrich (III.) und verwendet im Text meist „Gottfried“, weil es der Name ist, den der Vorfahr selbst gewählt hat.
Zur Verlässlichkeit. Die Vermischung der Namen ist kein Fehler der Chronik, sondern ein Merkmal der Quelle. Sie hat für die Forschung Folgen: Wer nach einem „Friedrich Bomert“ im Kreis Schwetz sucht, findet dieselbe Person wie unter „Gottfried“.
1769
Die Einheirat in eine Handwerkerfamilie
Elisabeth Röder ist die Tochter des Dorfschmieds Johann Jacob Roedder und der Elisabeth, geborene Schroder, einer Zimmermannstochter aus Graudenz. Damit heiratet Gottfried Friedrich (III.) in eine Handwerkerfamilie ein — im Prinzip die Gelegenheit zu einem sozialen Aufstieg. Es kam anders.
- Schwiegervater
- Johann Jacob Roedder, Dorfschmied. Erstmals 1742 im Kirchenbuch von Groß Nebrau nachgewiesen; bis 1759 wurden neun Kinder geboren. Der älteste Sohn Christian übernahm Beruf und Schmiede des Vaters.
- Schwiegermutter
- Elisabeth, geborene Schroder, * 24. Juni 1718 in Graudenz, Tochter des Zimmermanns Wilhelm Schröder.
- Ehefrau
- Elisabeth Roedder, * 1748 in Alt-Mühlbach. Sie ist das vierte Kind und die älteste Tochter.
- Folge
- Keine. Der Verfasser sieht in der Ehe „im Prinzip“ die Möglichkeit eines Aufstiegs in die Handwerkerschicht — die häufigen Wohnortwechsel der jungen Familie zeigen aber, dass Gottfried keines der Handwerke seiner Schwiegereltern ausübte.
Fünf Stationen in vierzehn Jahren
Von der Weichsel zur Weichsel zurück
Die Familie wechselt beständig zwischen dem linken und dem rechten Ufer. Kein Aufenthalt dauert länger als vier Jahre, keiner bringt Eigentum.
- 1770 · TryllDie Zwillinge Johannes und Jacob werden geboren.Der Vorname des Vaters lautet im Eintrag „Godfridt“. Tryll ist um 1789 ein emphyteutisches Dorf mit 40 Feuerstellen an der Weichsel nebst einer Neusaaßerei mit 8 Feuerstellen; für einen Pächterposten fehlte das Einkaufsgeld. Der Zwilling Jacob lebte 1785 nicht mehr.
- 1772 · MuntawyGeburt von Friedrich (IV.), am 1. April, Taufe in Neuenburg.Die Eltern und das Kind werden ausdrücklich als „Lutherani“ bezeichnet — der zweite direkte Konfessionsnachweis dieser Familie. Ein Wechsel des Wohnorts muss damit nicht verbunden gewesen sein; die Paten der Zwillinge hatten ihren Wohnsitz als „de Tryl ultima Muntawy“ angegeben, also „in Treul am äußersten Ende von Montau“.
- 1774 · Klein WoltzGeburt von Christian am 8. September.Rechtes Weichselufer, ein sehr kleines emphyteutisches Dorf mit nur 9 Feuerstellen unweit von Groß Nebrau, wohin die Lutheraner eingepfarrt waren. Auch hier bleibt das Dasein von den Pächtern abhängig.
- 1778 und 1781 · LubinGeburt von Peter am 24. Juni 1778 und von Wilhelm am 31. Januar 1781Groß Lubin ist ein emphyteutisches Niederungsdorf mit 36 Feuerstellen und katholischer Kirche, Klein Lubin ein erbliches Freidorf mit 8 Feuerstellen.
- 1785 · VoßwinkelDer Vater stirbt am 20. Februar.Ein kleines adeliges Bauerndorf mit 19 Feuerstellen und einer Wassermühle, östlich von Graudenz auf dem rechten Weichselufer.
1772 / 73
Eine amtliche Bescheinigung der Armut
Nach der Annexion des polnischen Gebiets ließ Friedrich der Große das Westpreußische Kontributionskataster erstellen, um das preußische Steuersystem einzuführen. Erfasst wurden Familienvorstände, Haushaltsmitglieder, Vieh und Landbesitz.
In Muntawy steht der Instmann Gottfried Bommert mit Ehefrau und 1 Sohn unter 12. Der Sohn ist der 1770 geborene Johannes; Friedrich (IV.) fehlt, weil er zum Zeitpunkt der Erhebung noch ein Säugling war. Von Besitz verzeichnet das Kataster nichts — nicht einmal eine Kuh, und kein Schwein.
Der Verfasser relativiert den Befund: Der Instmann hatte Lohn, eine gemietete Kate, einen Garten, womöglich etwas Ackerland und Federvieh, dazu einen Kontrakt über mindestens zwei Jahre und Wochenarbeitszeit für eigene Aufträge. Die Leinenweberei war verbreitet. Gegenüber Einliegern und reinen Tagelöhnern stand er damit eine Sprosse höher.
Zugleich bleibt der Abstand zu den Vollbauern überwältigend. Die preußischen Beamten nannten die Eigenkätner und Einwohner „die kleinen Leute im Dorf“.
„Nicht einmal eine Kuh im Besitz und auch kein Schwein!“ Aus dem Kontributionskataster für Muntawy
- Muntawy
- Instmann Gottfried Bommert, Ehefrau, 1 Sohn unter 12. Kein Vieh.
- Zum Vergleich
- In Schwenten verzeichnete dasselbe Kataster unter den Eigenkätnern einen Christian Bolt mit Ehefrau, 1 Sohn, 1 Tochter und 1 Kuh.
- Der Verfasser
- „Unterscheidet sich ein solcher Instmann noch vom Tagelöhner, Knecht oder Leibeigenen?“ Er hält die Lage für weniger dramatisch, als die leere Spalte wirkt — aber die Angabe bleibt ein amtlicher Beleg für einen sehr niedrigen sozialen Status.
Der politische Hintergrund
Geboren als polnischer Untertan, gestorben als Preuße
Die Kindheit Gottfried Friedrichs fällt in die Jahre, in denen der polnische Staat unter dem Druck seiner Nachbarn zerfiel. Der Aufstand der Konföderation von Bar, 1768 bis 1772, fand in Zentralpolen statt; die Starostei Swiece war von den Kämpfen nicht unmittelbar betroffen, aber der Gegensatz zwischen katholischer und akatholischer Bevölkerung verhärtete sich.
1772 begann die erste der drei Teilungen Polens; 1793 und 1795 folgten die beiden weiteren. Der Kreis Schwetz kam unter preußische Herrschaft, die lutherische und mennonitische Bevölkerung atmete auf — und der ungeliebte preußische Militärdienst begann. Für die Urkunden der Familie ist der Wechsel ein Glücksfall: Die Beurkundung wird genauer, ab 1772 stehen Altersangaben, Berufe und Todesursachen.
Ein Aufstieg war damit nicht verbunden. Das Ende dieser Biografie fällt mitten in den preußischen Aufbruch, an dem der Vorfahr keinen Anteil hatte. Wie die zweite Teilung und die Aufstände von 1794, 1831 und 1863 auf die Familie wirkten, steht im Anhang.
Nach 1785
Die Witwe Elisabeth und ein Musketier als Stiefvater
Mit 36 Jahren heiratet Elisabeth 1786 den Musketier Johann Kummer, 44 Jahre alt, vom Regiment von Hallmann und der Kompanie des Hauptmanns von Brosart. Ihre Kinder sind 5, 8, 12, 14 und 16 Jahre alt. Zwei weitere Ehen folgen.
- 1786Johann Kummer, preußischer MusketierDie Hochzeit findet in Wigoden / Wigodda statt, einem königlichen Erbpachtkrug mit 2 Feuerstellen. Ein Krug ist eine Schänke oder Wirtschaft, erblich verpachtet — der Verfasser vermutet, dass Kummer hier als Brenner oder Gastwirt im Nebenberuf tätig war. Sein Stiefsohn Peter, unser Vorfahr, hat später genau diese drei Wege eingeschlagen.
- 1790Geburt des gemeinsamen Sohnes Carl in StanislavkenKummer ist dort inzwischen Eigentümer. Stanislavken war um 1785 ein sehr kleines königliches Dorf mit nur 3 Feuerstellen.
- Februar 1793Tod des Johann Kummer in Tarpen an „hitzigem Fieber“Er hinterlässt seine Ehefrau Elisabeth und ein Kind.
- März 1793Tod des Sohnes Carl, zwei Jahre und drei Monate alt, in Stanislavken an „Fleckfieber“Der Verfasser liest die beiden Sterbeeinträge als ein infektiöses Geschehen in kurzer Folge.
- 1796Johann Malon, Eigenkätner in Kunterstein, 61 Jahre altElisabeth ist 48. Aus der Ehe gehen keine Kinder hervor; Malon bringt drei Kinder aus erster Ehe mit. Der Verfasser vermutet, dass Malon über die Hinterlassenschaft Kummers den Aufstieg zum Eigenkätner erreichte.
- 1803Tod des Johann Malon in Neudorf nach einem unglücklichen SturzEr hinterlässt seine Ehefrau und drei Kinder aus erster Ehe. Elisabeth steht erneut ohne Versorger da — aber mit einem bescheidenen Vermögen, einer eigenen Kate.
Was aus Elisabeth wurde. Eine Sterbeurkunde war nicht aufzufinden. Der Verfasser hält es für gerechtfertigt anzunehmen, dass sie ihren Lebensabend bei einem ihrer Söhne verbrachte. Ihre Kate in Neudorf, unmittelbar bei der Festung Courbiere vor Graudenz, übernahm dem Anschein nach ihr Sohn Gottfried Friedrich (IV.), der dort 1812 als Fleischer, Arbeitsmann und Eigentümer starb.
Ein Wort zu den Frauen dieser Generation. „Entweder starben die Frauen früh, etwa im Kindsbett, oder aber die Männer früh nach hartem Arbeitsleben.“ Elisabeth Raeder ging den zweiten Weg und überlebte drei Ehemänner. An eine kontinuierliche Schulbildung der Kinder war in dieser Zeit offensichtlich nicht zu denken; Kinderarbeit war Bedingung des Überlebens.
Der Umbruch
Keiner der Söhne wird Wanderarbeiter
Erst in dieser Generation bricht der Beruf des Vaters ab. Der Verfasser führt dies auf die Herkunft der Mutter aus einer Handwerkerfamilie zurück — und auf den Stiefvater aus dem preußischen Militär, der auf die Jungen offenbar nachhaltigen Einfluss hatte. Die äußeren Bedingungen taten das Übrige.
Johannes
Sesshafter Eigenkätner und Landwehrmann. „Im Feld geblieben“, gestorben vor 1814. Seine Ehe mit Helena Taez blieb kinderlos.
Gottfried Friedrich (IV.)
Fleischer in Neudorf. Gestorben 1812 mit 43 Jahren. Seine Tochter Anna (Maria) wurde 1805 geboren — ihr gilt das vierte Kapitel.
Christian
1796 Einwohner in Tusch bei Graudenz, heiratet Catharina Knoll aus Muntau. 1803 in der Urkunde als „beurlaubt“ geführt — in der Sprache der Beamten eine beurlaubte Militärperson.
Wilhelm
Der jüngste. 1822 Eigentümer, 1833 Kätner in Klein Tarpen. Zwei Ehen; die zweite mit Eva Bork aus der Mennonitengemeinde Graudenz blieb kinderlos.
„Ein kurzes, abhängiges und unstetes Leben als Wanderarbeiter, Instmann, gekennzeichnet durch den Begriff der Wanderarmut, charakterisiert unseren Vorfahren und seine mitwandernde Familie.“ Der Verfasser über Gottfried Friedrich (III.)
Das Brot der dritten Generation. „Der ersten Generation der Tod, der zweiten die Not, erst der dritten das Brot!“ — Für diesen Zweig traf das Versprechen nicht ein. Auch nach dem politischen Umsturz blieb der soziale Aufstieg aus. Der Aufstieg, den die Chronik dann erzählt, kommt über den Militärdienst und die Gastwirtschaft, nicht über den Acker.
Genealogischer Überblick
Die Kinder des Gottfried Friedrich (III.)
| Nr. | Name | Geburt | Ort | Beruf und Verbleib |
|---|---|---|---|---|
| 1.1.2.1. | Johannes | 14.06.1770 | Treul / Trill | Als Zwilling geboren; sein Bruder Jacob starb wohl als Säugling. Eigenkätner und Landwehrmann, gestorben vor 1814 „im Feld“. Ehe mit Helena Taez kinderlos. |
| 1.1.2.2. | Gottfried Friedrich (IV.) | 01.04.1772 | Trill | Fleischer in Neudorf; † 19.01.1812 mit 43 Jahren. Heirat 18.05.1797 mit Anna Kurschinowsky aus Kommerau. Fünf Kinder, darunter Anna (Maria), * 1805. |
| 1.1.2.3. | Christian | 08.09.1774 | Klein Woltz | 1796 Einwohner in Tusch, heiratet Catharina Knoll aus Muntau, Witwe des Jacob Knoll. 1803 als „beurlaubt“ geführt. |
| 1.1.2.4. | Peter | 24.06.1778 | Lubien | Unser direkter Vorfahr. Musketier, Brenner, Feldscher und Gastwirt; drei Ehen zwischen Preußisch-Polen und Russisch-Polen. Eigenes Kapitel. Zum Kapitel |
| 1.1.2.5. | Wilhelm | 31.01.1781 | Lubien | Zweimal verheiratet: mit Florentine Felge(r), † 1827 am „hitzigen Fieber“, und ab 1828 mit Eva Bork. 1822 Eigentümer, 1833 Kätner in Klein Tarpen. |
Zur Zahl der Kinder. Die Sterbeurkunde von 1785 nennt fünf lebende Kinder — die fünf Söhne in dieser Tafel. Nach der Angabe der Ehedauer in derselben Urkunde hat die Ehe sechzehn Jahre gedauert; die Zwillingsgeburt von 1770 umfasst also sechs Kinder, von denen eines im Säuglingsalter starb.
Der Vorfahr, dessen Akte die Polizei anlegte
Peter Bommert geht zur Armee und wird Brenner und Gastwirt. Seine Tochter Anna Maria wird 1830 steckbrieflich gesucht — von Preußen, wegen Diebstahls, mit einer Personenbeschreibung auf den Zentimeter.