Anhänge 3 bis 8 · Hintergrund
Der Ruf nach Osten — und was daraus wurde
Der familiäre Teil des Anhangs belegt, was geschah. Der allgemeine Teil erklärt, warum es geschehen konnte: Wie Staaten um Siedler warben, welche Stände es im Dorf gab und was ein Kontrakt bedeutete — und wie der polnische Staat zwischen 1768 und 1863 dreimal geteilt und dreimal verteidigt wurde.
- Anhang 3
- Die Romanfigur Anna Maria Bommert in „Die Gartenlaube“, 1856
- Anhang 4
- Der „Ruf nach Osten“ — das preußische Einladungspatent vom 20. September 1711 und die vier Stände der Siedler
- Anhang 5
- Das dörfliche Agrarspektrum: Knecht, Einlieger, Instmann, Kätner, Kleinbauer, Vollbauer, Hofgut und Vorwerk
- Anhänge 6 bis 8
- Polen als historische Nation; die Teilungen von 1772, 1793 und 1795; die Aufstände von 1768, 1794, 1831 und 1863
Anhang 3
„Die Baronin von Brünn“ — ein Fall in der Gartenlaube
Anna [Maria] Bommert, geboren 1805 in Neudorf bei Graudenz, Tochter des Fleischers Gottfried Friedrich (IV.) Bommert und seiner Ehefrau Anna Kurzynowska, ist nach den Worten des Verfassers „nicht nur in die Preußische Justizgeschichte als ‚die Baronin von Brünn‘ oder ‚Gräfin Schwerin‘, eine in höheren Kreisen agierende Kleinkriminelle und besonders verschmitzte Diebin und Vagabondin eingegangen“.
Ihr Fall beschäftigte auch juristische Kreise des Kaiserreichs. Im Herzogtum Baden und in Württemberg diskutierte man, ob die Täterin unter dem Delikt des Diebstahls oder des Betruges zu verurteilen sei — der Unterschied war erheblich: hier annähernd lebenslange Zuchthausstrafe, dort achtzehn Taler Geldbuße.
Was die Aufmerksamkeit und die Heiterkeit der Zeitgenossen erregte, war die Methode: Verkleidung und Verstellung als Dame aus den in Preußen hoch geachteten adligen Kreisen, raffinierte Diebstähle, die Suche per Steckbrief, Inhaftierungen — und spektakuläre Entweichungen aus zwei preußischen Gefängnissen.
So wurde sie zur Romanfigur. In der Leipziger Familienzeitschrift „Die Gartenlaube“ von 1856 erscheint sie als „Anna Maria Bommert“ — und trug damit den Familiennamen über Preußen hinaus in eine zweifelhafte Bekanntheit. Der vollständige Wiederabdruck des Heftes steht im Manuskript.
Quelle
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Eine Korrektur zum Manuskript. Die Einleitung des Anhangs datiert die Gartenlaube in „die Mitte des 18. Jahrhunderts“. Die Zeitschrift erschien ab 1853, das hier wiedergegebene Heft 1856 — und der Steckbrief der Anna Maria Bommert stammt von 1830. Die Erzählung ist also um ein Jahrhundert jünger als an dieser Stelle angegeben. Auch die Steckbriefe selbst setzen das Ereignis eindeutig in das 19. Jahrhundert.
Was offen bleibt. Ob sie „wirklich eine Bommert“ war, bezweifelt der Verfasser an einer Stelle selbst — wegen der kleinen, platten Nase, die es in der Familie nie gegeben habe. An anderer Stelle bejaht er die Zugehörigkeit ausdrücklich. Die Frage bleibt gestellt.
Anhang 4
Der „Ruf nach Osten“
Mitteleuropa litt schwer unter dem Dreißigjährigen Krieg, die nördlichen Rheinregionen bis in die Niederlande reichend sogar unter einem achtzigjährigen. Polen befand sich darüber hinaus in einem permanenten, das ganze siebzehnte Jahrhundert währenden Krieg und schließlich im Großen Nordischen Krieg zwischen Russland und Schweden von 1700 bis 1717 „am Rande seiner Existenz“. Die Grundlage der Ostsiedlung im ersten Drittel des achtzehnten Jahrhunderts war die durch die Kriege geschaffene Unterbevölkerung: viel unbebautes, wüstes oder verlassenes Land.
Was Menschen zum Aufbruch trieb, war nach Einschätzung des Verfassers nicht in erster Linie die Verfolgung religiöser Minderheiten. Zwar führte die Nationalstaatsbildung in Frankreich, der Schweiz und Deutschland zur Verfolgung religiöser Gruppen — doch für diese Familie nennt er ausdrücklich wirtschaftliche Gründe: die Armut.
Aus der Sicht der Staaten stand vor jeder Aufnahme der staatliche Wille. Preußische und polnische Werber waren zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts überall in Mitteleuropa im Auftrag ihrer Regierungen unterwegs — und trafen auf willige Ohren. Die gesuchten Kategorien waren in Polen und Preußen vergleichbar bis identisch; der Verfasser betrachtet deshalb die besser dokumentierte preußische Werbung in der Schweiz als Vorbild für den polnischen Bedarf, und er hat einen besonderen Grund dafür: Angeheiratete Vorfahren der Familie waren tatsächlich durch eine preußische Kolonisation in den Osten gelangt.
Am 8. Juli 1709 schlug Peter I. das schwedische Heer bei Poltawa; die Vorherrschaft Schwedens im Ostseeraum brach zusammen. Zwei Jahre später waren fast alle schwedischen Festungen an der südlichen Ostseeküste erobert. Preußen, das gute Beziehungen zu Russland gepflegt hatte, konnte wieder daran denken, seine verwüsteten östlichen Gebiete zu besiedeln.
Die Anwerbung als Absicht
„… und würde das beste Mittel, frembde in hiesiges Land zu locken, darinnen bestehen, dass nach Euer Königl. Maytt. allergnädigsten Eigenhändigen resolution, denen neukommenden so gute und favorable conditiones und Freyheitten, welche sie an anderen orten nicht leicht finden könten, an frey-Jahren, Besatz von Vieh und anderen Nohtwendigkeiten, auch Freyheit von Unterthänigkeit und dergleichen gegeben …“ Quelle aus der Zeit vor dem Einladungspatent
Das Einladungspatent vom 20. September 1711
Freijahre nach Vermögen — eine gestaffelte Rechnung
Das Patent, das 1712 den Zug der Schweizer Siedler auslöste, versprach Bedingungen, die die Einwanderer in ihrer Heimat nicht vorfanden. Der Hauptteil stellte dar, welchem von vier möglichen Ständen sie nach ihrer sozialen Lage, ihrem Beruf und ihrem Besitz angehören würden. Die Jahre der Abgabenfreiheit wurden davon abhängig gemacht, wie viel Geld die Ankommenden mitbrachten.
Sechs Freijahre
Wer den weiten Weg ohne preußische Hilfe zurücklegte und sich Besatz, Vieh, Geräte, Saat- und Brotgetreide sowie Futter aus eigenen Mitteln beschaffte: Land und Gebäude plus sechs Jahre völlige Befreiung von allen finanziellen Leistungen.
Drei Freijahre
Wer die Reisekosten selbst tragen konnte, aber keine weiteren Mittel für Besatz und Getreide besaß: drei Freijahre.
Ein Freijahr
Wer völlig unvermögend einwanderte und dem der Staat Reisekosten und vollständigen Besatz finanzierte, war willkommen — und erhielt ein Jahr Abgabenfreiheit.
Der Verfasser benennt die Ungerechtigkeit dieses Systems offen: Reiche Einwanderer, die bei Anreise und Ansiedlung nur wenig Geldmittel in Anspruch nahmen, wurden mit größeren Subventionen bedacht als mittellose. Unberücksichtigt blieb, dass die Ursache der Armut in landwirtschaftlich geprägten Ländern nicht nur schlechte Hofwirtschaft war, sondern auch Unglücksfälle.
Die zweite im Patent genannte Gruppe waren die Kossäten oder Kätner, in Ostpreußen „Gärtner“ genannt. Ihnen wurde kein eigenes Land zugesagt, sondern ein Haus, ein Garten und kleine Äcker zur Subsistenzwirtschaft. Unverheiratete Personen sollten kein Land erhalten; sie wurden nach dem Transport auf Staatskosten als Knechte und Mägde auf königlichen Vorwerken angestellt, mit einem gegenüber der Gesindeordnung erhöhten Lohn — drei bis vier Taler für die Knechte. Damit sollte dem Gesindemangel begegnet werden, der sich bei der Besetzung wüster Höfe noch verstärkte.
Eine Beilage zum Patent sicherte jedem fähigen Landwirt mindestens eine Hufe Land zu, dazu die Befreiung vom Wehrdienst und von Leistungen für die Unterbringung und Verpflegung von Soldaten.
- Datum
- 20. September 1711, nach der Großen Pest
- Zweck
- „Neubesetzung von wüsten Höfen und Dörfern“
- Auslöser
- Der Zug der Schweizer Siedler von 1712
- Kategorien
- Vier Stände, abgestuft nach Beruf, Besitz und Personenzahl
- Übertragung
- Der Verfasser überträgt die Kategorisierung auf Polen, weil die dezentrale polnische Siedlungstätigkeit durch adlige Grundherren weniger gut dokumentiert ist — und weil die Kategorien „vergleichbar bis identisch“ waren.
Der eigene Fall. „Wir wissen nicht, mit welchen beruflichen Qualifikationen unsere Auswanderer aufgebrochen waren“, schreibt der Verfasser, „solange wir auch keine genauen Kenntnisse über ihre Herkunft verfügen.“ Rückschlüsse erlaubt nur das Ziel: der Ort Neu-Marsau, die Tätigkeiten der zweiten und dritten Generation und die Bewegungsmuster. Genau das leisten die Kapitel.
Anhang 5
Das dörfliche Agrarspektrum
Vom Knecht bis zum Vollbauern ist es eine Leiter, und diese Familie ist sie langsam hinaufgestiegen — die ersten beiden Generationen gar nicht, die dritte und vierte ein Stück, die fünfte deutlich. Der Anhang definiert die Sprossen.
Knecht und Magd
Im Haushalt des Bauern, ohne eigenen Hausstand. Per Hufe rechnete man mit einem Mittelknecht und einer Magd; wer zwei Hufen hatte, hielt einen Großknecht, zwei Mägde und einen Jungen.
Einlieger
Wer kein eigenes Haus besitzt und deshalb zur Miete wohnt. Der Begriff entstand über grundbesitzlose Landarbeiter, die sich bei Bauern einmieteten und dafür arbeiteten.
Instmann
Landwirtschaftlicher Wanderarbeiter mit festem Kontrakt, meist über zwei oder mehr Jahre. Er mietete Wohnung, Garten und etwas Land. „Zum Leben zu wenig, zum Sterben zuviel.“
Eigenkätner
Besitzer einer kleinen Stelle mit Haus und Garten. Er zahlt einen geringen Grundzins, gilt aber als Eigentümer und kann seinen Besitz vererben, beleihen und veräußern.
- Gartennahrung
- Der gesamthafte Besitz von Haus und nutzbarem Grund und Boden unter Gartenrecht. Sie reichte nicht für einen auskömmlichen Betrieb, konnte aber eine Familie ernähren.
- Kleinbauer
- Dreiviertel-, Halbhufe und Ähnliches — nicht Vollbauer mit allen Rechten der Altgemeinde. Wurde ein Kätner Land hinzupachten und erhielt damit das Recht auf die Gemeinweide, war der Übergang zum Kleinbauern fließend.
- Vollbauer
- Pächter eines vollen Hofes. In Stwolno Niemieckie war dieser Stand an 6.400 Gulden Einkaufsgeld gebunden.
- Hofgut und Vorwerk
- Gutsbetriebe in adliger oder königlicher Hand, abseits der Dörfer gelegen, oft Zweigbetriebe großer Höfe. Sie konnten viel Gesinde, Knechte, Mägde, Einlieger und Wanderarbeiter aufnehmen.
Ein Instmann leistete mehrere unentgeltliche Scharwerkstage und arbeitete im Übrigen gegen ortsüblichen oder vertraglich festgeschriebenen Lohn, so oft der Gutsherr ihn brauchte. Sonst stand es ihm frei, für sich selbst zu sorgen — als Tagelöhner oder Handwerker. Oft war die Ehefrau in den Vertrag eingebunden: Sie musste als Arbeiterin mitgehen.
Der Grad an Freiheit war gleichwohl größer als für den leibeigenen polnischen Bauern. Der saß ebenfalls auf keinem eigenen Land, war aber an den adligen Grundherrn und an die Scholle gebunden — gebunden an eine Willkür, die bis zum Tötungsrecht reichte. Auch er bearbeitete einen kleinen Garten für sich, aber die Früchte gehörten dem Grundherrn, der sie jederzeit nehmen konnte.
Besonders benachteiligt waren die Kinder des Instmanns. Bei den ständigen Wohnwechseln war an eine kontinuierliche Schulbildung oder Berufsausbildung nicht zu denken. Einmal in diesem Zeitarbeitsleben aus kurzfristigen Verträgen gefangen, war ein Aufstieg und eine vorteilhafte Eheschließung „sehr schwierig, fast unmöglich“. Kinderarbeit war gewiss nicht nur üblich, sondern eine Bedingung des Überlebens.
Zum Vergleich: ein Pachthof
Um einen Begriff von den Verhältnissen vor fast dreihundert Jahren zu geben, gibt der Verfasser den Nachlass eines mennonitischen Pachtbauern von 1744 wieder, den Horst Penner in „Die ost- und westpreußischen Mennoniten“ überliefert — einen, wie Penner schreibt, durchschnittlichen Besitz. Aus dem Verzeichnis:
„Der Hof und alle dazu gehörigen Gebäude, das Land bestehend in 2 Huben 29 Morgen 139 Ruthen, Rücken und Brücken, Bäumen und Gärten, den großen Puffwagen nebst Auslittern und Zubehör, einen Pflug, zwei große eiserne Eggen, einen großen Haken, einen Tisch in der Stube, auch alle in der Stube befindlichen Bänke; auch den Sieger (Uhr), das große Kleiderschaff in der Stuben und das Winkelschaff, auch die beste Stute …“ Nachlassverzeichnis 1744, wiedergegeben im Manuskript
Was der Vergleich zeigt. Zwei Hufen Land, ein voller Wagen, Geräte, Möbel, eine Uhr — dieser Besitz war die Voraussetzung für einen Pachtvertrag. Der Instmann der Familie besaß im Kataster von 1772/73 keine Kuh. Zwischen beiden liegt kein gradueller, sondern ein struktureller Unterschied.
Anhang 6
Polen — eine historische Nation
Der Verfasser begründet diesen Anhang nicht nur mit dem Unrecht der Teilungen, sondern mit den eigenen Wurzeln: Es seien „vor allem unsere slawischen Wurzeln, Vorfahren zahlreicher Frauen der Familie Bomert“, die eine Beschäftigung mit der polnischen Geschichte notwendig machten — und es seien die mangelnden Kenntnisse der polnischen Historiografie, die mehr oder weniger allen Familienmitgliedern gemeinsam seien.
Als Grundlage wählt er bewusst einen Autor aus, der ihm einen „etwas objektiveren Eindruck“ hinterlassen habe als andere: Norman Davies, „Im Herzen Europas — Geschichte Polens“, nach der englischen Ausgabe „Heart of Europe. A short History of Poland“ (Oxford 1984, 1986), deutsche Ausgabe in vierter Auflage 2006.
Aus der Wiedergabe des Anhangs
Die große polnische Ebene, die östlich von Oder und Weichsel in die grenzenlosen Steppen Eurasiens übergeht, war einer der Haupteinfallswege der vorgeschichtlichen Migranten Europas — von der Altsteinzeit bis zum Anbruch der geschichtlichen Zeit im zehnten Jahrhundert christlicher Zeitrechnung ein Sammelgebiet immer neuer Wellen von Nomaden, Plünderern und Siedlern.
Der Name Polska erscheint erst an der Schwelle der geschichtlichen Zeit, im zehnten Jahrhundert, und auch dann nur als das Gebiet eines einzigen kleinen slawischen Stammes: der Polanie, der „Leute von den offenen Feldern“, die an den Ufern der Warthe in der Nähe des heutigen Posen siedelten.
Das Haus der Piasten tritt mit dem Jahr 965 aus dem Nebel der Vorgeschichte hervor, als Fürst Mieszko I. die katholische Taufe annahm, eine tschechische Prinzessin heiratete und gebildete Schreiber an seinen Hof holte. Sein Sohn Bolesław Chrobry — der Tapfere, 992 bis 1025 — dessen Heere bis Prag und Kiew kamen, wurde der erste einer Reihe gekrönter polnischer Könige.
„Die Gepflogenheit, die eine auserwählte Gruppe zu ‚Autochthonen‘, ‚den Ureinwohnern‘ oder zur ‚einheimischen Bevölkerung‘ zu erklären und alle anderen als ‚Fremde‘, ‚Ausländer‘ oder ‚Eindringlinge‘ zu bezeichnen, ist für den Laien ebenso irreführend, wie es den Fachmann nicht überzeugt.“ Aus der Wiedergabe des Anhangs, nach Norman Davies
Warum dieser Satz in einer Familienchronik steht. Er ist die methodische Grundlage des ganzen Bandes. Wer Herkunft sucht, ist in Versuchung, eine Herkunft zu behaupten. Der Anhang über die Vorgeschichte Mitteleuropas ist die Absage an genau diese Versuchung — dieselbe Haltung, mit der der Verfasser die französische Offizierslegende zerlegt.
Anhang 7
Die Zerschlagung des polnischen Staates
„Die Paukenschläge der außergewöhnlichen politischen Ereignisse in den Jahren der Teilungen ließen in Polen die Erde erzittern, das Beben war in ganz Europa zu verspüren.“ Der Anhang zeichnet nach, wie es dazu kam — und was die Teilungen für die deutschstämmige Bevölkerung bedeuteten.
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Vom Nordischen Krieg zum stummen Sejm
1697 bis 1717
- 1697 – 1763Die „sächsische Nacht“Sachsen und Polen-Litauen sind durch Personalunion verbunden: Der sächsische Kurfürst ist zugleich König von Polen. Die im sechzehnten Jahrhundert für ihre religiöse Toleranz gerühmte Adelsrepublik wird nun zum Inbegriff der Rückständigkeit.
- 1700 – 1717Der Große Nordische KriegPolen ist der Hauptkriegsschauplatz schwedischer, russischer und sächsisch-polnischer Armeen. Das Land verarmt und erholt sich nicht mehr. August der Starke wirft Polens ganzes Gewicht in den Dienst Russlands — „dieses völlig unnötige und unpatriotische Engagement“ gilt bis heute als Ausgangspunkt der Teilungen.
- 1709PoltawaPeter I. schlägt das schwedische Heer; die Vorherrschaft Schwedens im Ostseeraum bricht zusammen, Russland rückt dauerhaft an die Ostsee.
- 1715 – 1717Bürgerkrieg und „stummer Sejm“Der nach Freiheit drängende Adel schließt sich in der Konföderation von Tarnogród zusammen. Das „Warschauer Pazifikationstraktat“ vom 3. November 1716 und der Reichstag vom 1. Februar 1717 beenden den Kampf — und Russland wird völkerrechtlich zur Garantiemacht für Polen. Der „russische Stiefel“ verließ das Land bis 1918 nicht mehr.
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Drei Teilungen, drei Jahrzehnte
1768 bis 1795
- 1764Stanisław August Poniatowski wird KönigErneut mit Unterstützung Russlands gewählt. Seine Reformen kommen einer katholisch zentrierten Adelsopposition „zu wenig, zu spät und zu inkonsequent“ vor.
- 1768Die Konföderation von BarDie historisch bedeutendste Konföderation polnischer Kleinadliger zur Verteidigung ihrer „Goldenen Freiheit“, die sogleich einen mehrjährigen Aufstand gegen die russische Präsenz beginnt und sich dabei primär gegen den eigenen Staat richtet.
- 1772Die erste TeilungNach einem fünfjährigen Bürgerkrieg siegt die russische Allianz. Preußen, Russland und Österreich greifen zu. Der Kreis Schwetz kommt unter preußische Herrschaft.
- 1791Die Verfassung vom 3. MaiEin Beschluss des Reichstags, der einem Staatsstreich gleichkam, da sich der Großteil der Gegner noch in den Osterferien befand: Erbkönigtum, Verbot der Adelsbündnisse und des Liberum Veto.
- 1793Die zweite TeilungEine polnische Adelsclique hatte zur Verteidigung ihrer „Alten Freiheiten“ ein russisches Heer zu Hilfe gerufen; Preußen mischte sich auf dieser Seite ein und hatte für seine Unterstützung der Reform auf Danzig gehofft.
- 1794Der Kościuszko-AufstandVon Beginn an aussichtslos, durch koordinierten Einsatz preußischen und russischen Militärs niedergeschlagen.
- 1795Die dritte TeilungPolen verschwindet für mehr als ein Jahrhundert von der Landkarte.
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Preußen im annektierten Westpreußen
1772 bis 1806
- 1772Die Klassifikationskommission„Die Adligen in diesen Provinzen, was eigentlich würckliche oder Stockpolen sind, sollen 10 pro Cent geben …“ — die Instruktion für die Kommission, die die Steuerlast der polnischen Eliten festlegte.
- 1780Friedrich II., Generalinstruktion„Die Polen, die dann hier nicht wohnen wollen, müssen ihre Güter verkaufen, und da muss man denn sehen, gute und bemittelte Leute aus dem Reiche und der Gegenden hereinzuziehen … weil die als gute Bürger ihnen lieber und immer besser sind, als das polnische …“
Der Verfasser betont, dass sich an dieser zersplitterten Lage auch nach den Erwerbungen Friedrichs des Großen bis zur ersten Teilung Polens 1772 nichts geändert hatte. Die Kraft zur Expansion und der Aufstieg Preußens zur Großmacht beruhten auf seiner inneren Entwicklung zu ökonomischer, militärischer und politischer Stärke — „eine für die Polen die Zeit verloren gegangen war und so zum Spielball werden musste“.
Für die Familie hatte der Wechsel des Landesherrn unmittelbare Folgen, und sie waren zwiespältig. Die lutherische und mennonitische Bevölkerung konnte aufatmen: Die Bedingungen der akatholischen Religionsgruppen verbesserten sich. Zugleich wurde die preußische Verwaltung rigide, konfessionelle Konflikte verschärften sich, und der ungeliebte Militärdienst begann — jener Dienst, in dem Peter Bommert, der letzte Vorfahr dieses Bandes, seine Laufbahn begann.
Das Verhältnis blieb belastet. Die Teilungen wurden von ihren mehrheitlich deutschen Urhebern als machtpolitische Konfliktlösung ohne Krieg gedacht; die polnische Gesellschaft nahm sie zunehmend als Fremdherrschaft wahr. Fehlende Kommunikation, anhaltende konfessionelle Gegensätze und eine Sprachpolitik, die das Deutsche durchsetzen wollte, verstärkten diesen Eindruck. Der Abschnitt ist für den Verfasser die Erklärung dafür, dass die Familie später „in alle Winde“ zerstreut wurde.
Anhang 8
Der Kampf um die Freiheit — vier Aufstände
„Polen war eine politisch geotektonische Bruchstelle im Osten Europas“: östlich der unterentwickelte Riese Russland, westlich das in mancher Hinsicht fortschrittlichere Preußen. Das polnische Volk war von beiden Mächten okkupiert — „es war nur eine Frage der Zeit, bis kleinere oder größere politische Beben in Form von Aufständen folgten“.
1768
Die Konföderation von Bar
Der erste große Aufstand des Kleinadels gegen die russische Präsenz — und gegen den eigenen König. Nach fünf Jahren Bürgerkrieg siegte 1772 die russische Allianz, und unmittelbar darauf folgte die erste Teilung. Für den Kreis Schwetz bedeutete der Aufstand nach Einschätzung des Verfassers keine unmittelbare Kampfbetroffenheit, aber eine Verhärtung zwischen katholischer polnischer und akatholischer deutschstämmiger Bevölkerung.
1794
Der Kościuszko-Aufstand
Ausgelöst durch die zweite Teilung, die „das nationale Fass zum Überlaufen“ brachte: rigide preußische Verwaltung, konfessionelle Konflikte und abweichende Ordnungsvorstellungen. Von Beginn an in aussichtsloser Lage, wurde der Aufstand durch koordinierten Einsatz preußischen und russischen Militärs niedergeschlagen.
1830 / 1831
Der Novemberaufstand
Gerüchte führten am 29. November 1830 eine bestehende Verschwörung von Offizieren und Studenten zum Angriff auf den Belvedere-Palast in Warschau; die Bevölkerung stürmte die Arsenale. Am 1. Dezember konstituierte sich die „Demokratische Gesellschaft“, eine provisorische Regierung nahm Verhandlungen mit dem Zaren auf — Nikolaus I. verlangte die Kapitulation. Preußen schloss im Dezember die Grenzen für polnische Soldaten und Waffenlieferungen, ließ aber russische Truppen zur Reorganisation auf sein Gebiet. Im September 1831 wurde Warschau eingenommen; 20.000 Aufständische, die der Deportation nach Sibirien entgingen, durften nach Frankreich emigrieren.
1863
Der Januaraufstand
Er fällt genau an das Ende dieses Bandes: 1863, im Jahr, in dem der jüngste Sohn Peters, der Müllergeselle Julian Bomert, in Płock heiratet und die Mutter bei der Trauung zugegen ist. Der Aufstand von 1863 endet die Zeit, die dieser Band beschreibt — und die Epoche, in der die Familie in Polen lebte.
War Peter involviert? Der Verfasser prüft die Frage selbst und verneint sie für den Novemberaufstand von 1830: Der damals 52-jährige Peter lebte fern von Warschau, und die Erhebung blieb im Wesentlichen auf den Raum Warschau beschränkt. „Sehr unwahrscheinlich.“
Und die Familie? Peters Auswanderung nach Russisch-Polen fällt in eine Phase, in der Polen nach 1815 als Königreich mit eigener Verfassung erneut aufgebaut wurde und Ausländer mit sechs Jahren Steuerfreiheit angeworben wurden. Die Familie erkaufte sich damit eine wirtschaftlich günstige Lage — in einem politisch und kulturell prekären Land für Deutsche, die zugleich Vorteile aus der russischen Annexion bezogen. Der Verfasser benennt diesen Widerspruch ungeschminkt und verfolgt ihn im folgenden Band weiter.
Was in den Urkunden klein geschrieben ist
Die Anhänge liefern, was die Kapitel andauernd brauchen: Hufen und Morgen, Reichstaler und Groschen, Instmann und Kätner, Freijahre und Einkaufsgeld. Das Register erklärt die Begriffe, die Maße, die Münzen — und die Namen, unter denen diese Familie in den Quellen auftaucht.