Anhang 2 · Drei historische Quellen
Drei Dörfer, in denen die Familie saß
Die Kapitel nennen die Wohnorte, aber sie beschreiben sie nicht. Dieser Anhang tut es — mit den drei Quellen, auf denen die Darstellung der ersten fünfzig Jahre beruht: Maerckers Geschichte des Kreises Schwetz, den Preußischen Kontributionskatastern von 1772/73 und den Nachbarschaftsverzeichnissen, in denen jede Person, jedes Stück Vieh und jede Hufe einzeln aufgeführt ist.
- Marzy Nowe
- Neu-Marsau, das Auswanderungsziel von 1717 bis 1724, in der Starostei Swiece / Kreis Schwetz
- Stwolno Niemieckie
- Deutsch-Westfalen, Amt Schwetz — der Wohnsitz der Restfamilie ab 1737
- Muntawy
- Muntau, links der Weichsel — Wohnsitz des Instmanns Gottfried Friedrich (III.) im Katasterjahr 1772/73
- Quellen
- Maercker, Geschichte des Kreises Schwetz · Westpreußisches Kontributionskataster 1772/73 · Emphyteutische Privilegien und Anschläge des 18. Jahrhunderts
Der Zielort
Marzy Nowe — ein Dorf ohne Gründungsgeschichte
„Was ist das Besondere an diesem Ort, worauf hatte man sich da eingelassen?“, fragt der Verfasser — und muss zuerst eine Lücke einräumen: Eine Gründungs- und Siedlungsgeschichte dieses Dorfes existiert nicht. „Ganz besonders schmerzhaft ist das Fehlen der Ansiedelungsverträge, die dem Nachweis des Ankommens der Familie und für ihren anfänglichen Status Klarheit gebracht hätte.“
Was trotzdem zu sagen ist, stammt aus dem Vergleich mehrerer Quellen — und ergibt das Bild eines adligen Dorfes, das eine Abspaltung des älteren Alt-Marsau war. Neu-Marsau lag am westlichen Rand des Weichseltals, in unmittelbarer Nachbarschaft des Kirchorts Swiete / Schwenten, in dem die Familie getauft, geheiratet und ihre Kinder beerdigt hat.
Für die Einwanderer war der Ort in mehrfacher Hinsicht günstig: Der Boden musste erst bereitet werden, in den ersten Jahren waren die Bedingungen also verhandelbar; es gab keine alteingesessene Dorfgemeinde, die den Zuzug hätte abwehren können; und mit dem nahen Kirchort existierte wenigstens eine Verwaltungsstruktur, in der die Familie urkundlich fassbar wurde.
Dass es nicht reichte, zeigt der Auszug von 1724. Was die Quellen nicht verraten, ist die Frage, ob die Familie mit Pachtland begonnen hatte und es verlor — oder ob sie von Anfang an als Kätner oder Dienstleute kam. Der Verfasser lässt beides offen.
Der Ort in Zahlen
- Lage
- Westrand des Weichseltals, Starostei Swiece / Kreis Schwetz, Königreich Polen
- Kirchort
- Swiete / Schwenten, katholisch — in der ganzen Starostei existierte damals keine evangelische Kirche
- 1773
- 33 Haushalte mit 141 Bewohnern, teils mennonitisch, größtenteils lutherisch
- Struktur
- 13 Gespann haltende bäuerliche Pächter · 7 Eigenkätner · 9 Einwohner · 4 Handwerker und 1 Gewerbetreibender
- Fehlt
- Die Ansiedelungsverträge. Ohne sie bleibt der anfängliche Status der Familie eine begründete Vermutung.
Was an der Zahl von 1773 auffällt. Hundert Haushalte dieser Größe kannten dreizehn Pächter — und rund sechzehn Haushalte ohne Land: Kätner, Einwohner, Handwerker. Die Familie der Einwanderer lebte in einer Minderheit, die keine Hufe besaß. Genau diese Minderheit ist ab der zweiten Generation in dieser Chronik unterwegs.
Der zweite Wohnsitz
Stwolno Niemieckie — ein Dorf hinter einem Damm, der nicht hielt
Der Ort heißt „Deutsch-Westfalen“, weil dort Holländer und Deutsche angesetzt worden waren — ein emphyteutisches Niederungsdorf, das heißt ein Dorf auf Zeitpacht gegen Einkaufsgeld, im Amt Schwetz an der Weichsel gelegen.
„… dieselbe bestehet in 17 Bauern, welche 24 Hufen 15 Morgen besitzen.“ Quelle des 18. Jahrhunderts, wiedergegeben im Manuskript
„… soll das Dorf 29 Huben 13 Morgen hinter dem Damm und 3 Huben 17½ Morgen vor dem Damm haben.“ Quelle des 18. Jahrhunderts, wiedergegeben im Manuskript
Zwei Quellen, zwei Zahlen. Der Anschlag nennt 17 Bauern und 24 Hufen 15 Morgen, das Privileg 29 Huben 13 Morgen plus 3 Huben 17½ Morgen. Die Angaben lassen sich nicht in Übereinstimmung bringen; die Chronik führt beide und verzichtet auf einen Ausgleich.
- 1565
- Ein zum Schloss Swiete gehöriges Dorf an der Weichsel auf mittelmäßigem Boden, mit Scharwerkspflicht „im Lande und beim Heumähen“. Vier bäuerliche Güter, Hütung im Überfluss, Holz angeschwemmt an der Weichsel. Eingepfarrt nach Michelau.
- 1642
- Der Hauptmann von Schwetz und Danziger Kastellan Johann Zawadzki gibt 16 damals wüste, gebäudelose Hufen an Holländer auf 50 Jahre in Zeitpacht — mit Fischerei in Weichsel und Montau, Abschiffung der Produkte und Krugrecht.
- 1745 / 1746
- Einkaufsgeld von 6.400 Gulden an den Fürsten Jabłonowski als Starost von Schwetz; das Privileg auf 50 Jahre datiert vom 29. März 1746. Vierzig Jahre später waren von den fünfzig Jahren noch 28 Jahre abgewohnt.
- Der Damm
- Die Pächter mussten den rund 800 Ruten langen Weichseldamm unterhalten. Schon 1746 waren die drei Hufen vor dem Damm „von der Weichsel weggerissen“; im Jahr nach dem Einkauf brach der Strom erneut durch.
- 1772/73
- Im Kataster: 5 Eigenkätner (2 Schneider, 1 Leinweber), 22 Instleute (2 Leinweber, 1 Schneider, 1 Schulmeister). Weitere Pachtbauern sind nicht verzeichnet.
Warum dieser Ort für die Familie zählt. Hier lebte von 1737 bis 1746 die Restfamilie des Einwanderers — mit der Stiefmutter Catharina, ihrem zweiten Mann Adam Kottke und vier Halbgeschwistern. Hier wurde 1741 Gottfried Friedrich (III.) geboren. Und hier scheiterte der Versuch, in die Landpacht einzukaufen: 6.400 Gulden Einkaufsgeld waren eine Grenze, an der ein Leinweber und ein kinderreicher Witwer endeten.
Das Katasterjahr
Muntawy — die Aufnahme einer Dorfbevölkerung in Spalten
Für Muntau liegt nicht nur eine Steuerliste vor, sondern eine vollständige Designation: Jede Person, jedes Tier und jede Hufe des Dorfes wurde einzeln erfasst. In der dritten Tabelle steht unser direkter Vorfahr.
Bauern
Eigenkäthner, darunter ein Schuster
Instleute, darunter vier Schuhmacher, ein Schuster, ein Schmidt
„Die folgende tabellarische Vermögensaufstellung zeigt, dass er in dieser Rangfolge den ärmsten Familien, Instleute ohne eine Kuh, angehört“, schreibt der Verfasser über den Eintrag seines Vorfahren — „Gottfried Bommert, Ehefrau und ein Sohn unter zwölf Jahren“. Der Sohn ist der 1770 geborene Johannes; das Fehlen des 1772 geborenen Gottfried Friedrich (IV.) erklärt sich daraus, dass er zum Zeitpunkt der Aufnahme noch ein Säugling war.
Auch der Krüger des Dorfes ist erfasst: Er war zugleich Häcker und erscheint in der Tabelle von Groß Sanskau unter den Vorwerks-Instleuten, während der Dorfskrüger unter den Einliegern geführt wird. Knechte und Mägde wurden nur gezählt, nicht namentlich aufgenommen — ein Zeichen dafür, wem die Steuererhebung galt.
Was an dieser Quelle für die Familiengeschichte zählt, ist nicht die Zahl der Instleute, sondern die leere Spalte: In einem Dorf mit 26 Bauern und einem blühenden Krügerei-Betrieb besaß der eigene Vorfahr kein Stück Vieh.
Die Spalten des Formulars
- Personen
- Männer · Weiber · Söhne über und unter 12 Jahren · Töchter über und unter 12 Jahren · Knechte · Mägde
- Viehstand
- Pferde · Fohlen · Ochsen · Kühe · Jungvieh · Schafe · Ziegen · Schweine
- Fläche
- Huben · Morgen · Quadratruten
- Beschaffenheit
- Im Kataster von Deutsch-Westfalen und Schwenten die offizielle Kategorie: Vollbauer, Eigenkätner, Einlieger, Instmann
Eine Quelle mit Grenzen. Die Designation zählt Menschen und Tiere, nicht Lebensläufe. Sie sagt, wer wie viel besaß — nicht, wie jemand lebte. Genau deshalb braucht die Chronik beide: die Urkunden für die Ereignisse und die Kataster für die Verhältnisse.
Zur Methode
Wie die drei Quellen zusammenwirken
Keine dieser Quellen wurde für die Familienforschung angelegt. Sie alle dienten der Verwaltung: Steuern, Pacht, Landvermessung. Genau darin liegt ihr Wert. Ein Kontributionskataster interessiert sich nicht für Genealogie — aber es verzeichnet jeden Viehbestand, und damit den sozialen Status eines Menschen mit einer Genauigkeit, die ein Kirchenbuch nie erreicht.
Maerckers Kreischronik liefert den Rahmen: die Geschichte der Dörfer, die Rechte, die Lasten, die Besitzer. Die Kataster liefern die Zahlen. Die Urkunden liefern die Ereignisse. Erst zusammen ergeben sie das Bild, das die Kapitel zeichnen: eine Familie, die in Dörfern lebte, in denen sie zu einer Minderheit ohne Hufe gehörte, und die trotzdem in jedem dieser Dörfer urkundlich greifbar ist.
Für die vierte und fünfte Generation. In Russisch-Polen treten die Kataster zurück; dort tritt das 1880er Jahre-Werk „Słownik Geograficzny Królestwa Polskiego“ an ihre Stelle. Es beschreibt die Dörfer mit Einwohnerzahlen, Häusern und Konfessionen — und ist damit die Quelle, mit der Koboszyn als „winzig“ und Miaczyno Małe als Dorf mit zwölf Häusern und einer Mühle beschrieben werden kann.
Und die Geschichte, in die das alles fällt
Wer verstehen will, warum Siedler überhaupt gerufen wurden, muss den „Ruf nach Osten“ kennen — und wer verstehen will, warum die Familie nach 1772 langsam nach Osten weiterzog, die Teilungen Polens.